Anstoß – ein neues Spielfeld zur kollektiven Aneignung

Anstoß – ein neues Spielfeld zur kollektiven Aneignung

von Lucas Diedler, Till Ulzhöfer, David TereschinKategorie: Bachelor, AbschlussarbeitZeitraum: FS 2026Betreuer*innen: Prof. Dr. Florian Kluge, Prof. Ragnhild Klußmann

Unsere Bachelorarbeit widmet sich dem Klingerhuf-Areal in Neukirchen-Vluyn, einer ehemaligen Sportanlage, der Kampfbahn Neikirchen-Vluyn von rund 30.000 Quadratmetern, die zwischen 1921 und 1952 entstand und seit dem Auszug des Fußballvereins 2022 brachliegt. Der Freiraum Klingerhuf e.V. bespielt das Gelände derzeit in einer dreijährigen Testphase als Reallabor, um sich für das NRW-Programm „Initiative ergreifen“ zu qualifizieren. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass das Areal dauerhaft öffentlich zugänglich bleibt. Anstelle eines starren Masterplans entwickeln wir eine Prozessarchitektur, die den Faktor Zeit als gleichwertiges Baumaterial begreift. Wir verstehen uns dabei weniger als alleinige Urheber, sondern als Mediatoren, die die Bedingungen für kollektive Gestaltung schaffen. Unsere Leitmotive sind das Bauen im Bestand, die schrittweise Transformation, die Gemeinnützigkeit des Ortes, Partizipation und die Prozessarchitektur selbst 

Beteiligung ist dabei kein dekoratives Werkzeug, sondern das Fundament unseres gesamten Entwurfs. Unser Konzept ist nicht ausschließlich am Schreibtisch entstanden, sondern Schritt für Schritt im Austausch mit den Menschen vor Ort. Auf eine Ortsanalyse folgte ein Workshop mit den Vereinsmitglieder:innen, in dem wir im Stuhlkreis das bestehende Konzept durchdrungen haben, bei einem Spaziergang über das Areal, den Ort gemeinsam erforscht und Visionen entwickelt haben und im späteren Verlauf anhand von Luftbild und einem Modell im Maßstab 1:50 die Visionen verrottet und diskutiert. Anschließend haben wir unsere daraus entwickelten Thesen mit einer 1:1-Intervention am Eingangsportal überprüft. Unter dem Motto „Stammtisch“ bauten wir dort eine lange neongrüne Tafel samt Tischkicker auf und kamen mit Passant:innen ins Gespräch, die uns von ihren Erinnerungen, Wünschen und ihrem Interesse mitzumachen erzählten. Nach dem Kolloquium haben wir unseren ersten Entwurf mit Containern und Treppenterrasse verworfen, weil er dem Ort zu viel vorgab. Wir sind einen Schritt zurückgegangen und haben gefragt, was der Ort wirklich braucht.

Workshop
Rollenverteilung
Zonierung

Die Antworten haben wir in den Beteiligungsprozessen gefunden. Dort wurde deutlich, dass es dem Areal nicht an innerem Engagement fehlt, sondern an Sichtbarkeit, Inklusivität und räumlicher Verknüpfung. Das Gelände wirkt nach außen abgeschottet, und die geplanten Nutzungen stehen isoliert nebeneinander. Deshalb wollen wir die Zwischenräume zu aktiven Verbindungsräumen machen. Unser Entwurf gliedert das Areal in eine „Basis“ und eine „Aneignungszone“. Zur Basis gehören das dauerhaft geöffnete, barrierefreie Eingangsportal mit Geschichtsausstellung und Gartenlager, das Vereinsheim mit neuem Zugang zum Gelände, Rampe, Makerspace im Keller und einer Wohngemeinschaft im Obergeschoss sowie die ehemaligen Umkleiden, die wir zur offenen Werkstatt mit Toolbox und barrierefreiem WC umbauen. Die Sportplätze lassen wir als Aneignungszone bewusst unterbestimmt, ihre Wege sollen nach dem Prinzip der „Desire Lines“ aus der tatsächlichen Nutzung entstehen.

Schnitt Werkstatt
Grundriss Vereinsheim
Grundriss Werkstatt

Das Herzstück unseres Entwurfs ist die Impuls-Strategie, und auch sie geht direkt auf die Beteiligung zurück. Wir sind auf diese Idee gekommen, weil wir beobachtet haben, wie sich die Menschen den Ort aneignen. Sie werden selbst aktiv, bauen, bespielen und probieren aus, und genau dafür braucht es keine fertigen Lösungen, sondern einen Anstoß. An fünf Ausgangspunkten setzen wir deshalb jeweils nur einen ersten Impuls und übergeben dann die Handlungsmacht an die Nutzer:innen. Im Baulabor ist das der Bau eines ersten Stuhls aus Reuse-Material, im Nachbarschaftsgarten der erste Acker samt Kompost und im Permakultur-Reallabor das erste Biotop. Im Erholungswald brechen wir den verdichteten Ascheplatz auf und pflanzen erste Bäume, an der Schnittstelle auf der Mitteltribüne bauen wir die Balustrade zurück und betonen die Stufen mit einem Mosaik. Ein Leitsystem aus Stelen, Lageplänen und Schwarzem Brett sorgt für Orientierung. Als Werkzeuge der Aneignung dienen selbstgebaute Möbel und eine frei zugängliche Toolbox. Das Material stammt aus Spenden und regionalen Quellen, wird nach klaren Regeln gefiltert und soll rückbaubar sein.

Damit die Mitwirkung auch über unseren Entwurf hinaus tragfähig bleibt, übergeben wir dem Verein einen Entwicklungsleitfaden mit acht Grundsätzen, etwa zu Gemeinnützigkeit, Naturschutz, Rückbaubarkeit, minimaler Versiegelung und Materialkreisläufen. Dauerhafte Eingriffe werden auf monatlichen Entwicklungsabenden gemeinsam beschlossen, zu denen alle eingeladen sind. Ein fiktives Zukunftsszenario mit Sommerkino, Bühne, Ateliercontainer und Gewächshäusern zeigt, was die Nutzer:innen aus unseren Impulsen machen könnten. Unser Fazit lautet, dass die Reaktivierung urbaner Freiräume weniger eine Frage des Neubaus ist als der klugen Strukturierung von Bestand und sozialen Prozessen. Architektur liefert dabei nur den Anstoß und das Gerüst, und das Klingerhuf-Areal kann so zum Modellprojekt für eine partizipative Baukultur werden. 

Axonometrie Phase 1
Axonometrie Phase 2